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  • Dervis Dündar

Alles ist in Bewegung, nichts bewegt sich.

Im letzten Beitrag ging es um die Kunst und wie sie stirbt. Gut so, denn so hatte ich Ruhe und konnte folgenden Text schreiben:

Es sind die letzten Seiten, die vor mir liegen und gefüllt werden möchten. Das Heft zwingt sich mir auf und fordert etwas. Sollte ich es nicht tun, bleibt der Sinn und Zweck unerfüllt und mein persönlicher Sinn und Zweck würde mit der Zeit verloren gehen. Es sind die letzten Seiten eines Heftes, bestehend aus Papieren und einem Faden, der die Papiere zusammenhält. Papiere, die sich in diesem Heft gefunden haben und darauf warten mit Leben gefüllt zu werden.


Bei dem Gedanken ergreift mich eine tiefe Traurigkeit und ein Wille dem Prozess des Schreibens Einhalt zu gebieten ergreift mich, stört mich im Denken und hindert mich die Wahrheit auszusprechen.

Ich weiß, dass es für viele Menschen gegenwärtig nicht einfach ist und es schwierig erscheint, gegenwärtig ein Leben in Freiheit zu führen. Ich weiß, dass Freiheit nicht existiert und nie existieren wird, außer sie wird erkämpft oder gelebt. Ich weiß, dass mir dieses Wissen nichts nützt, außer diese Papiere zu füllen und ihnen einen Sinn zu schenken. All das stimmt mich nicht traurig, aber die Papiere, auf die ich diese Worte zwinge, erfüllen mich mit Traurigkeit.


Die letzten Seiten eines Hefts voller Selbstreflexion, ein Kalender eines Jahres, welches sich dem Ende neigt oder ein Notizbuch, voller Arbeitsnotizen. Wo geht ihr hin, wenn ihr am Ende seid und mit Wörtern gefüllt wurdet?


Beende ich das Heft nicht, bleibt der Sinn und Zweck unerfüllt. Tue ich es doch, so ist das Heft am Ende und die Ungewissheit, was mit dir geschehen wird, erwächst. Was passiert, wenn ich diesen Text mit einem Punkt abschließe und es endgültig ist? Wo gehst du hin?


Wirklich fürchterlich wäre es, wenn dieser Text mit einer Frage abschließen würde. Mich würde nicht nur die Ungewissheit erschaudern lassen, was aus dir wird, sondern auch die Ungewissheit, was die Antwort auf die Frage ist, die am Ende des Textes stehen würde. Aber das weiß ich jetzt noch nicht, denn dies ist nicht das Ende.


Ich schaue stattdessen aus dem Fenster und erkenne: alles ist in Bewegung, nichts bewegt sich. Ich schaue in die Wohnung meiner Nachbarn. Eine Minute, zwei Minuten, einige Augenblicke und dann wird es selbst mir unangenehm. Ich schaue beschämt weg, bis mein Blick rein zufällig auf das Fenster trifft und dort verharrt. Bis zu dem Moment, als mich die Nachbarn sehen. Sie schauen mich an, ich schaue sie an und wir wissen alle, dass es aufgrund der Gegenwart zu keiner weiteren Begegnung kommen wird, außer unseres Blickkontaktes. Eine Minute, zwei Minuten, einige Augenblicke, bis ich bemerke, dass sie seit der ersten Minute verschwunden sind.


Ich zwinge mich dazu wieder auf die Papiere zu schauen und sie mit Leben zu füllen. Die Traurigkeit ergreift mich.


Ich stelle mir vor, wie es wäre mit meinen Nachbarn zusammenzuwohnen. Wobei diese Imagination erlogen ist. Wirklich und wahrhaftig stelle ich mir vor, wie es wäre in der Wohnung meiner Nachbarn zu wohnen, während sie irgendwo anders sind. Am besten sehr weit weg, damit ich meine Ruhe habe.


„Wo geht ihr?“ – Ich wäre allein.


Die Lampe gefällt mir und Blumen scheinen sie auch zu haben. Um diese würde ich mich nicht kümmern und um jene natürlich auch nicht. Die Unordnung könnte schwierig werden und das Dahinschwinden der Blumen könnte mich in eine großartige Depression stürzen. Planänderung: ich stelle mir vor, wie es wäre mit meinen Nachbarn zusammenzuwohnen, damit sie sich um ihre Blumen kümmern können.

Immer weniger Papiere, immer mehr Traurigkeit.


Ich starre in meinen eigenen vier Wänden, durch mein Fenster, in die Wohnung meiner Nachbarn und wünsche mir Geselligkeit und Gewissheit. Doch schnell komme ich auf die Erkenntnis oder sie zu mir: ersteres gibt es nicht für mich und zweites nur in Bezug auf ersteres.


Es sind die letzten Seiten eines Heftes und ich möchte über mehr schreiben, als nur über meine Nachbarn, das Heft selbst und die Traurigkeit, die mich beim Gedanken an das Ende ergreift. Aber was gibt es Bedeutenderes, als das, was mich umgibt, was mir einen Sinn gibt und dem Gedanken, der mich bis ans Ende begleiten wird?


Ich blättere um und erkenne, dass die letzte Seite mit einer Frage geendet hat. Das darf mir nicht am Ende passieren.


Traurigkeit, woher kommst Du? Ich glaube, du ergreifst mich, weil ich an das Ende denke und mir bewusstwird, dass alles enden wird. Weil der Gedanke an das Ende immer da ist, weiß ich, dass ich bin und du auch. Also schreibe ich hier für die Endlichkeit des Lebens, von den Dingen und des Seins. Und erwarte mehr von mir.


Wenn alles endet, wird die Gegenwart auch enden und wenn wir ehrlich wären, wüssten wir, dass sie gerade jetzt endet. Jetzt. Jetzt. Die Pandemie bleibt.


Ich weiß, woher die Traurigkeit kommt. Sie schleicht sich an, von dir. Von der Gewissheit, dass alles endet.


Die Papiere, das Heft und die Bäume. Die Bäume, die für das Heft, die Papiere und somit auch für mich gestorben sind. Bäume, die einfach dastanden und Pech hatten, dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Weiterblättern.

Bäume, die weiterexistieren würden, wenn ich, der Mensch, nicht wäre.


Schreibe ich jetzt ernsthaft über Bäume? Der Text zieht sich und dass nur wegen diesem Heft, das nicht enden will. Dem Heft, das Schuld am Sterben der Bäume ist. Bäume, die weiterexistieren, wenn es dich, du Heft, nicht gäbe. Das Perverse ist, dass das Heft keine Verantwortung tragen kann, für das was es getan hat, weil das Heft es nicht getan hat, sondern ich, der Mensch.


Ich setze allem ein Ende, weil es meinem Sein entspricht. Dem Baum setze ich ein Ende, um Papiere zu produzieren. Die Papiere zwinge ich dazu mit anderen Papieren ein Heft zu bilden, damit ich in dieses Heft schreiben kann. Dem Heft setze ich ein Ende, indem ich einen Punkt setze.


Ich setze allem ein Ende, auch im Schaffensprozess. Mein Leben hat irgendwann ein Ende. Dein Leben wird ein Ende haben. Dieses Heft wird ein Ende haben. Ich verspreche es dir. Ich der Mensch, werde dem Heft ein Ende bereiten.


Ich blättere um. Ich spüre, wie es dem Ende entgegengeht und möchte ein Teil davon sein. Eine Symbiose. Ich kann nicht damit leben, dass etwas unendlich fortbesteht, weil ich bald enden werde. Ein Ende finden. Nur wie? Fragen, die nur ich, der Mensch, mir stelle. Das Heft hat es leicht, denn um das Ende seiner selbst muss es sich keine Gedanken machen. Das übernehme ich für das Heft.


Ich, der Mensch, versuche die Unendlichkeit zu verhindern. Ich verstehe, dass ich scheitern werde und strenge mich deshalb noch intensiver an.


Ich versuche die Zeit zu kontrollieren und presse sie in 24 Stunden, 60 Minuten, 60 Sekunden. Ich versuche die Welt zu kontrollieren und zwänge ihr Grenzen auf, die vorher nicht existierten. Ich werde versuchen das Universum zu kontrollieren, weil ich weiß, dass ich die Erde nicht kontrollieren kann. Ich zerstöre aus dieser Gewissheit heraus die Erde. Ich zerstöre und schaffe, weil ich weiß, dass ich nicht kontrollieren kann.


Weil mich das Unendliche überdauern wird.

Weil ich ein Ende finden werde.

Weil ich ein Heft bin.


Ich habe noch zwei Seiten. Diese müssten mit Leben gefüllt werden, um ihrem Sein einen Sinn und Zweck zu schenken. Aber manchmal ist es gut, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind.


Ich beende mein Hier und Jetzt an dieser Stelle und erkenne, dass es die Endlichkeit gibt.

Aber was passiert, wenn es endet?

Wo gehe ich hin?


foto by Jonas Kako

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