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  • Dervis Dündar

Die besten Geschichten schreibt das Leben

Dumme Menschen behaupten: „Die besten Geschichten schreibt das Leben noch selbst“. Dies ist einer der Sätze, die ich am häufigsten höre und am meisten verachte und die doch auch immer einen Funken Wahrhaftigkeit in sich tragen, den es zu bewahren gilt. Dieser Satz macht mich noch nicht zu einem Konservativen, aber ist ein Schritt in Richtung Verdammnis.


Ich sitze in der niedersächsischen Provinz, im Zug und schreibe diese Sätze auf die Rückseite eines wichtigen Dokuments, welches ich bei der Arbeit von meinem Boss in die Hand gedrückt bekommen habe. Irgendwas mit Arbeit und wichtigen Informationen, die ich berücksichtigen sollte. Ich fand und finde es jedoch deutlich amüsierender den Zettel in Händen zu halten und all jene, die vor mir stehen, können all diese Worte auf der Rückseite lesen und mir nicht zuhören. Ein schöner Gedanke.


Eine gute Geschichte des alltäglichen Lebens, die es zu teilen gilt.


In einer Welt voller schlechter Nachrichten sind gute Geschichten rar geworden.


Als Kinder hatten wir immer die Vision, dass wir in der Welt der Erwachsenen freier denn je sein und sich das schöne Leben offenbaren würde: ohne Schranken, Grenzen und Regeln irgendwelcher Autoritäten. Einige Jahre später haben wir erkannt, dass es gerade die Menschen ohne Grenzen sind, die alle anderen in Mitleidenschaft ziehen und dem autoritären Charakter zugerechnet werden können. Viele von uns sind bereits wie ihre Eltern geworden. Andere waren es schon immer. Die Wenigen halten sich am Versprechen des Widerstands fest, obwohl daraus nichts anderes für sie resultiert als Widerstand. Die Vielen folgern aus dem Widerstand der Wenigen ihre Lehren. Die Wenigen sind nur hängengeblieben. Ich spreche aus Erfahrung.


Warum gute Geschichten rar geworden sind, kann ich mir auf die Schnelle nicht erklären. Wir sind nun erwachsen und unserer Definition aus Kindertagen folgend können wir tun was wir wollen, aber anstatt zu tun, was wir wollen, gehen wir arbeiten. Wir von früher schütteln den Kopf und zeigen uns den Mittelfinger. Arbeiten gehen ist keine gute Geschichte, deshalb erzählen wir uns auch so viel davon.


Oder teilen wir nicht mehr unsere guten Geschichten des Lebens miteinander, obwohl sie Tag für Tag geschrieben werden? Vermutlich auch das. Und doch sitze ich in einem klimatisierten, 220 km/h schnell fahrenden und lauten Zug in Richtung Süden und schreibe all dies auf ein dreckiges Blatt der Arbeit. Was auch immer das sein mag. Vermutlich Kunst. Wie groß kann Selbsthass eigentlich werden? Nach der Logik des Kapitalismus: unendlich.


Am wahrscheinlichsten ist doch, dass wir in unserer Welt einsamer denn je sind und einander kaum noch zuhören. So fühlt es sich für mich an, wenn ich an mein eigenes Leben denke, welches doch die besten Geschichten schreibt, die ich mit keinem Menschen teilen kann, weil mir keiner zuhört und niemand für mich da ist. Außer ihr, die ihr dies lest. Hoffe ich, während ich verzweifle.


Ich höre eine Stimme, die es bis auf diese Seite schafft und mir zuruft: „Sei nicht so pessimistisch. Du bist niemals allein.“ Und doch ist es so, dass ich einsam bin, in einer hektischen Welt, auch mit Dir und Euch.


Es gibt nämlich einen gewaltigen Unterschied zwischen Einsamkeit, einem Gefühl, und dem Faktum des Alleinseins.


Ich bin ein extrovertierter, sozialer, aktiver, sexuell-aktiver, lebensfroher und familiärer Mensch, der sich viel im gesellschaftlichen Leben bewegt. Ich esse, schlafe, arbeite, liebe, ficke, kiffe, lache, gehe und masturbiere vor mich hin, wie jedes andere menschliche Wesen. Ich fahre mit Euch Bahn oder sitze in der Schule neben Euch. Ich wohne im zweiten Obergeschoss oder im Haus der Nummer sechsunddreißig. Ich gehe bei REWE, EDEKA oder ALDI einkaufen oder bestelle viele Dinge online. Ich liefere die Dinge, die online bestellt werden. Ich treffe Menschen, gehe ins Theater, ins Kino, zur Therapie, zum Fußball, ins Schwimmbad mit Euch und bin einsam.


Diese Gefühl ist meine Existenz. Ich existiere, um einsam zu sein. Auf der Arbeit, bei zwischenmenschlichen Begegnungen jedweder Art, im Zug und beim Sex spüre ich diese Existenz sehr intensiv, weil sie verschwindet. Weil ich verschwinde, bin ich nichts. Und dann bin ich allein.


Ich fahre allein Zug, bin für mich und mit mir und spüre mich selbst wiederkehren. Die Hymne meines Lebens heißt „Die Rückkehr der Einsamkeit“ und ertönt immer dann, wenn Du nicht bei mir bist.


Kurzer Plot Twist: wo sind wir als Kollektiv Menschheit falsch abgebogen, dass wir Kindern (junge Menschen) so früh wie möglich beibringen, dass das Leben irgendwann ernst wird? Was heißt „Das Leben wird ernst“? Eine Abscheulichkeit dieser Ernst des Lebens und dazu auch noch absoluter Bullshit. Dieser Ernst des Lebens führt dazu, dass wir Karriere machen, künstliche Soziale Medien erschaffen, Texte schreiben und um die Welt reisen, um von unseren Mitmenschen wirklich und wahrhaftig wahrgenommen zu werden. Wir zwingen uns gegenseitig dazu und wundern uns, dass wir plötzlich niemanden mehr bei uns haben. Und gründen dann Familien.


Klopf, klopf. – Wer ist da? – Der Ernst ist des Lebens.


Ginge es mir besser, fühlte ich mich nicht einsam, in einer anderen Welt? Keine Ahnung, aber es wäre auf jeden Fall anders.


Lasst uns zum Ende kommen, sonst komme ich noch auf den Gedanken, der die Menschen revolutioniert: ich glaube nicht, dass das Leben die besten Geschichten schreibt, sondern wir. Immer diese ominösen Begrifflichkeiten: Leben, Gesellschaft, Kapitalismus. All das Große liegt in unserer Hand.


In unseren Händen, denn ich versuche mein eigenes Leben in meinen Händen zu halten. Gelingt mal so, mal so, aber nie so richtig.


Ich bin umgezogen, ich werde Vater und liebe ein und einen halben Menschen. Das wollte ich noch schnell auf diese Seite schreiben, weil ich gleich einschlafe. Ich fühle mich einfach zu wohl im Zug. Ohne dich.


Einschlafen und trotzdem noch am Leben: der Grund, warum ich träume.


Jetzt sitzen wir hier, am Ende eines langen Abends, verstrahlt und ausgebrannt und doch voller Liebe und Selbsthass. Und all das wollte ich Dir erzählen, weil das Leben Geschichten schreibt, die Du sonst nirgends Lesen kannst. Nicht die Besten, aber immerhin etwas. Etwas anderes als Arbeit.


Und am nächsten Morgen erwache ich und freue mich über die neue Sonne, die mich mit all ihrer Kraft begrüßt und küsst.


Wenn bloß die Menschen mit solch einer Kraft und Ausstrahlung durch ihr Leben gehen könnten und dürften, so hätten wir keine Probleme.

Oder mindestens weniger.

Oder eben Menschen mit Problemen und guter Ausstrahlung.


Du bist nun am Ende der Seite angekommen, wie ich und doch anders.


Die wichtigste Frage am Ende: hast Du mir zugehört?

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