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  • Dervis Dündar

Die Kunst ist tot. Lang lebe die Kunst.

Verrückte Zeiten, in denen die Menschheit sich befindet.


Ein Jahr ist am Ende und das andere am Anfang, doch scheint es so als würde sich nichts ändern. Zwar wurde im letzten Beitrag über Enttäuschungen und Jeff Bezos festgestellt, dass sich alles und jede verändert, aber trotzdem kann es sein, dass es sich für Menschen nicht so anfühlt: der Mensch hat nicht die Kontrolle über die eigenen Gefühle. Oft sind Menschen, materialistisch gesprochen, das Produkt ihrer Umwelt.


Gegenwärtig ist ein bedrückendes Gefühl vorherrschend: Sorge. In ihren extremen Ausprägungen wandelt sie sich in Angst um. Verwirrend, wenn man bedenkt, dass es nicht lange her ist, dass eine sorgenignorierende Gesellschaft vier Mal im Jahr im Süden sich bräunte.


Nun liegt diese Gesellschaft in Todesangst Zuhause.


Anstelle der geliebten Sonnenstrahlen, nur die Strahlen des heimischen Fernsehers. Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaft im Griff und sie spürt, wie die Luft langsam, aber beständig ausgeht.

Die Gesellschaft begreift, wie zerbrechlich das System namens Menschheit ist.


Unser System.


Wir können es nicht mehr ausblenden. Wir verstehen inzwischen, dass sich mit jeder Veränderung von Zahlen, die politische Wirklichkeit verändern kann. Wir verstehen, dass große Industriebetriebe bezuschusst werden und kleinere Betriebe warten müssen. Urplötzlich werden grundlegende Rechte außer Kraft gesetzt: teils berechtigt, teils willkürlich.


Es bleibt im Umgang mit Mitmenschen meist nichts anderes übrig, als immer das Gleiche zu betonen: es kann nur besser werden.


Aber tut es das?


Trotz der radikalen Eingriffe in unser alle Leben, ist es so, dass die Wenigsten am Entscheidungs- und Findungsprozess der Politik mitwirken dürfen.


Politik, die über Maßnahmen entscheidet, die uns alle betreffen.

Die unser aller Leben und Gesundheit schützen.


Maßnahmen, von denen die einen mehr, die anderen weniger (negativ) betroffen sind.


Im Besonderen sind es die, die am stärksten leiden, die an den Maßnahmen am wenigsten Teilhaben dürfen und können.


Noch nie war Politik so spürbar, so präsent, so im Privaten. Noch nie haben sich so viele Menschen auf der ganzen Welt, für das gleiche Thema interessiert.


Noch nie haben die Tagesthemen nur ein Thema behandelt, sodass über eine Umbenennung in Tagesthema nachgedacht werden konnte.


Was auffällig erscheint oder erscheinen sollte: obwohl sich in dieser Pandemie ein kollektives Interesse am politischen Geschehen durchgesetzt hat, hat es sich nicht in der realpolitischen Wirklichkeit durchgesetzt. Anstelle von mehr Demokratie, wagt diese Gesellschaft weniger. Es entscheiden deutlich weniger Menschen über Maßnahmen, als es im Regelfall üblich ist. Und hier wird es interessant.


Auf die Bundesrepublik Deutschland bezogen, bedeutet dies: das repräsentative System ist, in Bezug auf die Corona-Pandemie, nicht intakt.


Nein wir leben in keiner Diktatur und erst recht nicht im Nationalsozialismus 2.0, doch ist es so, dass demokratische Mechanismen, wie die Einbindung der Parlamentarier*innen im Falle der Pandemie, nicht greifen. Einfach ausgedrückt: wir werden nicht repräsentiert. Mindestens weniger als gewohnt.


Ich war vor der Corona-Pandemie für mehr Demokratie, Teilhabe und Streitkultur, ich bin es gegenwärtig und auch morgen, nach der Pandemie, werde ich es sein. Ich bin es gerade in der Pandemie, denn noch nie war das Interesse an Politik so groß, wie in dieser Situation.


Deshalb fordere ich, dass es ein Bürger*innen-Plenum geben muss. Streng genommen kann ich fordern was ich möchte, aber gerade deshalb tue ich es.


Dieses bundesweite Plenum diskutiert über Maßnahmen in Bezug auf die Corona-Pandemie.


Maßnahmen sollten durch dieses demokratische Gremium legitimiert werden.


Alle bisherigen Umfragen deuten darauf hin, dass sich eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung auf dem Kurs der Entscheidungsträger*innen befindet und die Vernunft bisher siegt.


Wovor sollten Entscheidungsträger*innen Sorge haben?

Es wäre ein reiner Gewinn für ebenjene. Denn: diese Strategie würde weiteren Verschwörungsideologien entgegenwirken und ein Auseinandergleiten der Bevölkerung verhindern.


Es wäre ein Schritt hin zu echter Politik und weg vom Verwalten.


Die Expertokratie muss ein Ende finden: Karl Lauterbach geht mir wirklich und wahrhaftig auf die Nerven. Nicht böse gemeint, aber das musste mal raus: cooler Typ, aber too much. Zu wissenschaftlich, zu rational, zu viel Fliege.

Spaß beiseite.


All jene, die der Auffassung sind, dass es der falsche Zeitpunkt für eine Stärkung der Demokratie sei, frage ich: wann dann? Wann war jemals der richtige oder passende Zeitpunkt für mehr Demokratie?


Ich denke nicht, dass sich die Gründer*innen der heutigen Demokratien an einen Zeitplan gehalten haben. „Jetzt, ja, jetzt ist der richtige Zeitpunkt für Demokratie. Los geht es, Leute!“

Und als hätten die Herrschenden, ob autoritär oder demokratisch, sich jemals über Bürger*innen-Proteste gefreut.

Im Gegenteil: stets wurde (mehr) Demokratie gegen die Herrschenden durchgesetzt.


Eine weitere interessante Auffälligkeit: Menschen, die auf die Regierung vertrauen und jede Verordnung mit einem Amen annehmen, sind nun die Ersten, die behaupten, dass sich die Gesellschaft nicht mehr “normalisieren“ wird.


Keine Umarmungen mehr und kein Händeschütteln. Damit kann ich leben (mit Bauchschmerzen) und die Demokratie selbstverständlich auch.


Doch: ich zweifle sehr daran, dass es dabeibleiben wird.


Diese früheren Alltäglichkeiten könnten aus dem kollektivem Gedächtnis verschwinden. Könnte es dann nicht auch so sein, dass die Omnipräsenz von Verordnungen durch die Bundesregierung sich normalisieren? Wir vergessen irgendwann, dass es unüblich ist? Wir könnten uns daran gewöhnen und es schweigend hinnehmen.


Ich gehe einen Schritt weiter und behaupte: die Transformation der Demokratie hat bereits stattgefunden.

Ja, die Demokratie funktioniert und existiert, doch ist auch die Frage nach der Art und Form essenziell. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Zahlen- und Datenobsession verschwinden wird. Sie war vor der Pandemie da und wird die Stellung, nicht so einfach aufgeben. Wie sich manch eine Mitbürgerin an den Todeszahlen förmlich “aufgeilt“. Auch ich gehöre zu jenen, die sich nahezu jeden Tag die Zahlen angucken. Shame on me.


Wenn dies jedoch der Status quo sein soll, in dem wir in Zukunft leben werden, möchte ich aufschreien und mir entgegenbrüllen: die Kunst ist tot. Lang lebe die Kunst.


Denn die Kunst war nie systemrelevant, sondern immer selbst-, system- und sozialkritisch.


Künstler*innen auf der ganzen Welt wurden immer verfolgt oder verlacht. Der Grund dafür liegt im Sein der Kunst: nichts liegt der Kunst ferner, als gehorsam gegenüber jemandem oder etwas zu sein.


Selbst gegenüber den Künstler*innen ist die Kunst kritisch.


Deshalb finde ich sie und sie mich abstoßend.


Ein bisschen, wie ein Virus.


#alarmstuferot


foto © Josue Escoto

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