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  • Dervis Dündar

Existenzielle Krise unseres Menschseins


Liebe:r Leser:in,

ich habe den folgenden Text im April 2021 für ein Fotobuch meines Mitbewohners Jonas geschrieben. Jonas hat in diesem Fotobuch Überschwemmungen in den USA dokumentiert und fotojournalistisch gezeigt, welch Einwirkungen die Klimkatastrophe für uns alle hat und haben wird.


Was ich vor drei Monaten nicht wusste: dass sich nun in Deutschland eine Katastrophe mit über 160 Toten ereignet, die bereits vor Jahrzehnten vorhergesagt wurde. Seit den 80er-Jahren wird modelliert, was passieren wird, wenn wir unsere Lebensweisen, Wirtschaft und Infrastruktur nicht radikal verändern. Ich fühle mich in meinem Denken bestätigt und gleichzeitig wiederlegt, denn ich dachte, dass sich durch solch eine Katastrophe etwas bewegen würde.

Aber es tat und tut sich, genau wie bei Hanau, nichts.

Keine Massendemonstrationen, die sich gegen die Bundesregierung und ihre Politik des Versagens einsetzen.

Rücktritte? Fehlanzeige.

Im September sind Bundestagswahlen und das Wahlvolk kennt bis dahin keinen Willen.

So sei es.


Was ich vor drei Monaten ebenfalls nicht wusste: es gibt nicht nur eine Klimakatastrophe, sondern auch eine Sinnkatastrophe.

Welchen Sinn haben wir in unserem Leben, außer dem Planeten Erde zur Last zu fallen?


Bis 2050 sind Hungersnöte, aufgrund von Dürre und Überflutungen, bei uns im reichen Westen angesagt. Hier in Deutschland. 2050. Da Leben wir noch fast alle. Nur mal so.


Genießt Euer Leben, solange Ihr könnt.


Katastrophale Grüße,

Euer Postmigrant

Unsere Welt steht vor der größten Herausforderung ihrer bisherigen Existenz.


Dabei geht es nicht um die weltweite Vermeidung von Steueroasen oder die Bekämpfung des Leidens in der ausgebeuteten Welt, sondern um etwas viel dramatischeres. Eine Katastrophe.

Weil wir alle, direkt betroffen sind.


In unserer Welt spüren wir nur über das Wetter, was weltweit genau in diesem Moment vor sich geht.

Wenn denn überhaupt noch etwas gespürt wird.

Wenn wir etwas spüren, von dem was gegenwärtig vor sich geht, flüchten wir uns in Gespräche, die uns Halt geben sollen.

Oder in SUVs und große Häuser, die uns vor der Welt da draußen schützen sollen.

Bei guter Musik, einer netten Netflix-Serie oder in Gesellschaft unserer Liebsten ist alles, sogar der Untergang der Welt, erträglich.

Ach, was schreibe ich hier: der Untergang der Welt ist dann nicht erträglich, sondern genießbar. Im neuen BMW X5, Mercedes GLA oder sonst einem Metallhaufen kann ich es genießen, wie die Welt vor die Hunde geht.

Ich bin unangreifbar und muss mich nicht fürchten.


Kurze, sarkastisch-rhetorische Zwischenfrage an alle Autofahrer*innen:

kann sich der Mensch von einem BMW X5 ernähren?


Wir haben uns darauf spezialisiert, alles was uns betrifft oder betreffen könnte, zu verdrängen.

Zu verdrängen ist mindestens genauso wichtig wie zu vergessen.

Zu verdrängen bedeutet aktiv darauf hinzuwirken dumm zu werden.

Tut mir leid, aber ist so.

Und steht jetzt so im Internet.


Würden wir nicht verdrängen, dass Autofahren, Fliegen, Fleischkonsum, Serien streamen und vieles mehr sehr schlecht für unser aller Leben ist, würden wir es nicht tun.

Noch läuft alles ohne Schwierigkeiten und wenn es doch Probleme gibt, finden wir eine Lösung im bestehenden System.


Alles regelt sich von allein.


Fast alles.


Denn wir stehen nicht nur vor der größten Herausforderung unseres bisherigen Menschseins, sondern vor der größten Herausforderung, für die es im bestehenden System keine Lösung gibt.


Unsere Welt ist krank. Mehrdimensional.

Unser Leben rennt vor uns weg und versucht ohne uns einen Sinn zu finden.

Wir versuchen es überhaupt nicht mehr.

Ich betrachte: unser Leben auf Instagram und wie schön es ist.

Ich sehe: wie ihr fliegt, reist und Auto fahrt.

Ich bemerke: wie ihr feiert.

Ich fühle: einfach jung sein.

Ich spüre: wie wir es genießen und einfach Einfach sind.

Und es nicht als das sehen, was es ist: kompliziert.

Wir freuen uns und haben Teil aneinander.

Ich nehme wahr: die Katastrophe, die auf uns zukommt.

Ich denke: es wird ein Tsunami sein, der auf uns treffen wird.

Ich weiß: es interessiert uns nicht.

Ich lache: und weine.

Ich nenne es: die existenzielle Krise unseres Menschseins.


Es ist ein Mythos, zu glauben, dass sich das Problem durch Fortschrittlichkeit löst.

Fortschrittlichkeit ist in dieser Welt immer verbunden mit Wachstum und Wachstum bedeutet eben auch: steigender Ressourcenbedarf, Meeresspiegel, aktiveres Verdrängen von Wissen und Ausstoß von unnatürlichen Gasen.

Das alles lässt sich nicht durch Versprechen und Ideen für die Zukunft aufhalten, sondern nur durch ein kollektives und weltweites Umdenken.

Einen Paradigmenwechsel.

Wir schaffen es eben nicht allein, sondern nur gemeinsam.


Verträge wurden gemeinsam abgeschlossen, die das Handeln der Staaten verändern sollten. Verträge, die am Tag des Abschieds bereits vergessen wurden und in Aktenkoffern ihren Platz fanden.

Aktenkoffern, die um die halbe Welt reisen mussten, um eine Unterschrift unter einen Vertrag zu setzen.

Das Abkommen von Paris war angeblich ein Meilenstein, aber wofür?

Es war ein Meilenstein im weltweiten Lügen und Verzerren von Tatsachen.

Oder denkt irgendwer wirklich, dass sich die existenzielle Krise unseres Menschseins durch einen Vertrag aufhalten lässt?

Eine Unterschrift ist eine Unterschrift und verändert nichts.

Wenn wir die Ziele erreichen, die uns durch Stellvertreter*innen gesetzt wurden, erreichen, werden wir ins Himmelreich aufsteigen.

Wir können danach unser Leben weiterleben, wie vorher.


Seien wir doch ehrlich miteinander.


Wirklich und wahrhaftig: ob es morgen kälter oder wärmer ist, ist für einen 4,543 × 10^9 Jahre alten Planeten nicht interessant.

Der Planet ist warm oder kalt, krank oder gesund, mit oder ohne uns.


Der Planet ist einfach.


Ein wunderbares Beispiel ist die gegenwärtige Covid-19 Pandemie, von der wir alle ebenfalls betroffen sind.

Bei der Pandemie setzen wir uns Ziele, die wir erreichen, um dann diese Erfolge in kürzester Zeit zu relativieren.

Entweder wir lassen uns alle Impfen oder wir infizieren uns alle.

Die andere Möglichkeit ist, dass der Wirt, also wir Menschen, ausstirbt.


Das Virus verschwindet nicht.

Die existenzielle Krise unseres Menschseins ebenfalls nicht.

Nur durch unser aller Aussterben.


Leider wird dieses beschränkte und unehrliche Denken uns privilegierte Gesellschaften schwächer treffen als andere Länder.

Wir, als reiche Gesellschaft, werden Möglichkeiten haben uns und unsere Besitztümer und Infrastrukturen zu schützen.

Dafür werden wir auch CO2 freisetzen, aber wen interessiert das noch, wenn es um das Überleben geht.

Unterstützendes Beispiel für unsere Ignoranz: auf dem Mittelmeer wird uns heute schon tagtäglich vor Augen geführt, wie egoistisch westliche Staaten und “Wertegemeinschaften“ sein können, wenn der Mensch schwarz und arm ist.

Ein Mensch besitzt also doch einen klar definierbaren Wert.

Nichts mit Würde.

Nichts mit Menschenrechten.


Fakt ist: die existenzielle Krise unseres Menschseins ist keine Herausforderung, die wir politisch oder ökonomisch oder ökologisch angehen können.

Wir können sie, da sie unsere Existenz betrifft, nur in uns bewältigen.

Dies bedeutet: sich der eigenen Bedeutungslosigkeit für diese Welt bewusstzuwerden.


Fakt ist aber auch, dass wenn wir es nicht schaffen die Titanic umzulenken, auf der wir alle gemeinsam sitzen, wir auf einen Eisberg treffen.

Was dann mit unserer Titanic passiert, werden wir sehen.

Gegenwärtig gibt es starke Veränderungen auf unserem Planeten, die keine*r ignorieren oder ausblenden kann.


Unsere Welt ist nicht so träge wie wir.

Sie wandelt sich ständig und schnell.

Sie ist unfassbar flexibel und bringt Probleme im System deutlicher zum Ausdruck als Gewerkschaften.

Ob nun Überschwemmungen in Afrika und Asien oder schwimmende Städte in den Niederlanden: der Meeresspiegel und die existenzielle Krise unseres Menschseins machen vor keinen Staatsgrenzen halt.



foto by @usgs

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