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  • Dervis Dündar

Gegen das Vergessen

Ich behaupte, dass das Vergessen zu den ausgeprägteren Fähigkeiten des Menschen gehört, denn es handelt sich dabei um eine lebensnotwendige Fähigkeit. Eine Fähigkeit, die notwendig ist, damit wir laufen können. Wenn der Mensch nicht vergessen würde, könnten alle Menschen auf diesem Planeten keinen Schritt vor den anderen tun, geschweige denn Atmen. Wir müssten uns durchgehend an Dinge und längst vergangene Situationen erinnern: an die Schulzeit, die Zeit bei unseren Eltern, die Zeit mit allen Menschen, mit denen wir Zeit verbracht haben. Auch jenen, die wir nie in unsere Herzen geschlossen haben. Wenn wir dann auch noch alles wahrnehmen würden, was auf unserem Planeten geschieht, würden wir nicht mehr existieren können. Deshalb blenden wir aus. In der Psychologie gibt es dafür den Begriff der selektiven Wahrnehmung.


Das menschliche Gehirn würde durch die Lasten der Zeit schlichtweg kollabieren und mit ihm der Mensch. Deshalb arbeitet das menschlichen Gehirn wirtschaftlich und rationalisiert Unwichtiges weg. Es würde, würde es dies nicht tun, nicht arbeiten, wie es arbeitet. Fragen Sie mich bitte nicht, wie es arbeitet, denn das weiß ich nicht. Ich schreibe nur einen Text über das Vergessen.

Wobei dies nicht der Wahrheit entspricht: wirklich und wahrhaftig handelt es sich hierbei um einen Text des Erinnerns. In einer Zeit, in der dem Menschen keine Zeit gelassen wird, um zu erinnern und sich zu erinnern, dürfen wir uns nicht wundern, dass wir vergessen. Alles wird schneller und lauter und mit dem Ganzen auch der Mensch. Die gegenwärtige Welt zwingt sich uns auf, deshalb verschließen sich ihr Einige von uns.

Leider wird uns diese, zumindest ihrer Funktion nach, gute Eigenschaft des Menschen, den größten Schaden hinterlassen, den es gibt.


Aber was wir nicht vergessen dürfen: ohne Wissen kein Vergessen.


Ich weiß Dinge, also bin Ich etwas.

Etwas mehr, als Ich weiß und etwas weniger, als Ich dachte.

Ich dachte, dass dieser Text politisch ist und stelle mit jedem weiteren Wort fest, dass Wörter einer ständigen Interpretation unterliegen.


Ist die Gesellschaft wahrhaftig an dem Punkt angelangt, dass Wörter so weit interpretiert werden können, dass die Shoa als Vogelschiss der Geschichte bezeichnet werden kann und darf? Trägt diese Gesellschaft keinerlei Verantwortung mehr für die Zukunft, weil sie sich im Fortschritt verrannt hat? Geht es nicht um Schuld, wenn von den Verbrechen der deutschen Gesellschaft gesprochen wird? Besonders um Schuld gegenüber den Opfern der Jahre zwischen 1933 und 1945? Schuld gegenüber den Opfern des rassistischen Kolonialsystems? War diese Gesellschaft nicht stolz auf die Errungenschaften der Erinnerungskultur? Kultiviert sich wahrhaftig ein Faschismus im Gewand des scheinbar Bürgerlichen?


Ich möchte an das Vergessen erinnern.

Das Wir und das Ich haben eine große Gemeinsamkeit: das Vergessen.

Vergessen liegt in der Natur des Menschen.

Menschen vergessen weltweit und jeden Tag, rund um die Uhr.


Wie alles begann, haben wir vergessen.

In schnelllebigen Zeiten vergisst der Mensch schneller.


Menschen vergessen ihre Mitmenschen und manchmal ihre eigene Familie.

Menschen vergessen ihren Schlüssel und manchmal ihr eigenes Kind.

Menschen vergessen etwas zu essen und jene, die hungern und verhungern.

Menschen vergessen die Freiheit und vermissen sie in ihrer Abwesenheit.


Seien Sie mit sich ehrlich, wirklich und wahrhaftig: Sie vergessen, dass Sie vergessen. Jetzt in diesem Moment haben Sie vergessen, worum es im Text eigentlich geht. Ihr Kopf dreht sich und die Welt dreht sich mit Ihnen.

Die Zeit überrennt Sie und Sie lassen es mit sich machen. Sich gegen die Zeit aufzulehnen hat noch niemandem genützt, besonders dann nicht, wenn das Eigeninteresse der leitende Gedanke dabei war.


Menschen vergessen, dass sie so viel wissen.


Menschen wissen, dass es nicht ausreichend ist etwas zu wissen und es wichtig ist, sich mit dem Wissen auseinanderzusetzen, denn dies hält das Wissen am Leben. Menschen überlassen dies Wissenschaftlerinnen. Menschen denken, dass Wissenschaftlerinnen Übermenschen sind. Falsch gedacht und genau hier wird es interessant.

Wenn Menschen aufhören sich mit Wissen auseinanderzusetzen, beginnt es aufzuhören zu leben und die Menschen mit ihm.

Wissenschaft schafft kein Wissen, sondern widerlegt es.


Menschen und Wissen hängen untrennbar zusammen, da Menschen vergessen. Doch ohne Wissen können Menschen nichts sein. Ein Geben und Nehmen.


Menschen wissen, dass sie die kognitiven Fähigkeiten besitzen sich an Menschen und Dinge zu erinnern. Doch verwenden Menschen ebenjene Dinge, um das Erinnern auszulagern.


Die kognitiven Fähigkeiten des Menschen wurden durch digitale Fähigkeiten ergänzt. Menschen arbeiten daran, dass sie ersetzt werden sollen. Und dabei spielt diesen Menschen etwas in die Hände.

Etwas zu wissen und damit leben zu können und das Wissen dadurch leben zu lassen, kann durchaus anstrengend sein. Menschen neigen dazu mit der Zeit zu gehen und das Wissen loszulassen.

Wissen und Leben kämpfen gegen die Zeit und werden immer verlieren.


Ende der Geschichte?


Nein.


Es ist der neue Geist des Faschismus, der allen Menschen Sorgen bereiten sollte. Das damit einhergehende Potenzial kann nicht ignoriert werden.

Faschismus nennt sich nicht Faschismus, sondern den Antifaschismus “links-grün-versifften Mainstream“ und konstruiert Kampfbegriffe wie “Fake News“.

Der erste Schritt zum Faschismus ist getan, wenn alles bleiben soll, wie es ist und jede Veränderung als Angriff eingeordnet wird. Mit diesem Denken stirbt Wissen.


Menschen, die Wissen nicht weiterentwickeln und die eigene Persönlichkeit als Absolutes ansehen, sind dazu prädestiniert dem Faschismus zu folgen. Und werden selbst ein Teil dessen.


Die Schweigenden werden wissen, dass das Schweigen ihr Untergang war.


Die Zeit geht weiter ihren Lauf. Gegen das Wissen. Gegen das Erinnern und für das Vergessen.


In diesem Bewusstsein: #gegendasVergessen!


#weremember



foto © Maxim Hopman

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