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  • Dervis Dündar

Homo buerologicus

Achtung, Sarkasmus!

Keine Lust auf einen Shitstorm, auch wenn das im Trend zu sein scheint.

Zur Einleitung: Ich muss hier manch einen Menschen enttäuschen, der oder die dachte, dass es hier um Homosexualität ginge. Der Titel des Textes täuscht. Homo ist nicht immer Homo und nichts ist wie es scheint. Das sollte an Informationen für alle Deutschrap-Fans genügen. Nichts gegen Fans des Deutschraps, aber irgendwie doch.


Für alle: Homo heißt, soviel ich weiß, Mensch. Ich war nie sonderlich gut in Latein und Vokabeln habe ich nicht einmal in Englisch gelernt. Vermutlich ist das wohl auch der Grund, warum ich nach meinem Abitur eine Ausbildung begonnen hatte und die ersten Jahre meines freien Lebens in den Büros des 21.Jahrhunderts verbringen durfte.

Meine Erlebnisse und Erfahrungen habe ich in kleinen Teilen in dem nachfolgenden Text verarbeitet.

Ich danke allen Menschen, denen ich in meiner Arbeitszeit begegnen durfte und die mich wütend gemacht haben. Die Bürokultur ist etwas sehr besonderes und ihr auch.

Ohne Euch wäre dieser Text nie entstanden.

Vorweg muss eines klar sein: ohne Menschen, die jeden Tag in die Büros dieses Landes fahren, würde diese Gesellschaft stillstehen. Nicht weil sie systemrelevant wären, denn dies sind sie aus der Perspektive des Systems auf keinen Fall, sondern weil sie schlicht und einfach eine sehr große Bevölkerungsgruppe sind.

Sie sind überall: in den öffentlichen Nahverkehrsmitteln, im Straßenverkehr, in deiner Nachbarschaft, bei Dir Zuhause und sogar bei Dir im Bett. Wenn Du willst. Versteht sich.


Das Drama der Büromenschen ist gerade, dass sie dies wissen und trotz dessen über keinerlei Klassenbewusstsein verfügen.

Es gibt keine Büromenschen-Bewegung und keine internationalen Kollektive, die sich für die Interessen aller Büromenschen einsetzen.


Für viele Gewerkschaften, besonders im Bereich der industriellen Wirtschaft, sind Menschen des Büros aufgrund ihres gewaltigen Desinteresses an Arbeitskampf und fairen Arbeitsbedingungen, unerreichbar.

Oft ist in den Büros zu hören, dass Gewerkschaften überflüssig und ein Relikt der Steinzeit seien. Die Forderungen, die von den Gewerkschaften gestellt werden, seien absolut unangebracht und überflüssig.

Welches Maß angesetzt wird, sollte deutlich sein: das Eigene.

Büromenschen sind allein in ihrer Arbeit und manchmal einsam.


Büromenschen sind einfache Menschen ohne hohe Ansprüche und einem niedrigen Veränderungswillen, der sich besonders dann zeigt, wenn es um die eigenen Routinen und Alltäglichkeiten geht.


Es gibt sicherlich Nicht-Büromenschen, die dies als ein negatives Charakteristikum bezeichnen würden, weil sich diese passive Haltung in gesellschaftlichen und politischen Prozessen niederschlage.

Manche, besonders Anhänger*innen der Frankfurter Schule, neigen dazu, den Faschismus aus dieser Denke herzuleiten.

Umso notwendiger und bedeutender ist doch, dass durch dieses Nicht-Handeln kein Mensch jemals zu Schaden gekommen ist, außer der Nicht-Handelnde Mensch selbst.

Den homo buerologicus dafür verantwortlich zu machen, dass das Büro ein einfacher und anspruchsloser Raum ist, ist schlichtweg unmöglich, denn es kann nur kritisiert werden, was auch wirklich und wahrhaftig existiert.

Das Nicht-Existierende, zum Beispiel fehlende Ansprüche, ist und bleibt aus der Perspektive der Allgemeinheit nicht kritisierbar.


Um die Unlogik der Kritik am homo buerologicus zu veranschaulichen, soll ein Beispiel herhalten, welches vermutlich jede*r kennt:

Büromenschen trinken Kaffee, denn ohne könnten sie nicht. So auch im Büro der Firma Nazar GmbH. Nun ist es so, dass bei der Nazar GmbH, einem expandierenden Industriebetrieb migrantischer Menschen, seit über zwanzig Jahren der Kaffee von Abdul gekauft wird und von Marie gekocht wird.

Es ist 8 Uhr morgens, der Kaffee ist frisch und erfrischend. Jeden Tag, seit zwanzig Jahren. Die Tassen stehen im Schrank, da wo sie immer stehen und obwohl es keine privaten Tassen gibt, so benutzen doch alle immer die Gleiche.

Auf der eigens mitgebrachten Milch im Kühlschrank, steht mit Filzstift gemalt, der eigene Name geschrieben. Auch wenn alle wissen, dass dies nicht vor Diebstahl schützt, sondern ihn mehr oder weniger befördert. Man gönnt sich schließlich nichts, wenn es um den eigenen Kaffee geht. Jeden Tag wird der Kaffee aufgebrüht und ausgetrunken. Nun ist es aber Fakt, dass der sozial-ökologische Fußabdruck von Kaffee deutlich schlechter ist, als der des grünen Tees. Kollegin Karin kommt kurzerhand auf die Idee, diese Schwierigkeit im Büro, im kollegialen Umfeld, nachdem sie auf einer “Fridays-for-future“ Demonstration war, zu thematisieren. Das Team zeigt sich gesprächsbereit und offen für einen Gedankenaustausch, bis Karin vorwurfsvoll den fehlenden Veränderungswillen anspricht. Die Stimmung kippt und alle reagieren allergisch, wo vorher doch der Diskurs herrschte. Karin mache alles kompliziert, hieß es auf einmal.

Schnell wurde sie die komplizierte Karin getauft. Auch bei den Büromenschen der Nazar GmbH wird Einfachheit wertgeschätzt.


Zusätzlich dazu, dass der homo buerologicus ein einfaches und anspruchsloses Wesen ist, handelt es sich um ein sehr unproduktives und psychisch belastetes Wesen.


Büromenschen setzen sich jeden Tag an den gleichen Platz, einige auch jeden Tag zur gleichen Uhrzeit, und öffnen Office-Dokumente und Postfächer in dem Bewusstsein, dass sie nichts Handfestes und Greifbares produzieren werden.


Der britische Anthropologe David Graeber prägte dafür den Begriff der Bullshit-Jobs und -tätigkeiten. Die Definition, aus dem 2018 erschienen, gleichnamigen Werk, lautet wie folgt:

„Ein Bullshit-Job ist eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der sie ausführt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.“

Dabei stützt sich Graeber, der 2020 verstarb, auf einige international anerkannte Studien, die sich innerhalb der Sozialwissenschaften viel mit der Frage beschäftigen, für wie sinnvoll Menschen ihre eigene Lohnarbeit ansehen.


Die Ergebnisse sind international recht ähnlich: ziemlich sinnlos das Ganze, aber sinnstiftend dank der Kolleg*innen. Das Arbeitsumfeld ist wichtig, um den eigenen Bullshit-Job zu legitimieren, aber der Job bleibt Bullshit.

Hier liegt vermutlich auch der Grund dafür, dass Büromenschen ihre Freundschaften im Arbeitsumfeld bilden.


Besonders betroffen vom Bullshit-Phänomen sind Jobs, die eine verwaltende oder organisierende Funktion haben. Jobs, die schnell gestrichen werden, weil automatisierte Programme die “Arbeit“ übernehmen können.

Hierbei ist es wichtig anzumerken, dass nicht nur Bürojobs von diesem Phänomen betroffen sind, sondern alle Menschen und Jobs.


Was folgt daraus aber für den homo buerologicus, der sich viel mit Organisation, Planung und Verwaltung beschäftigt?


Am Ende eines anstrengenden Arbeitstages gehen Büromenschen aus dem Firmengebäude und sagen: „Wow, heute habe ich viel geschafft.“, obwohl sie ganz genau wissen, dass sie nichts geschafft haben.

Der homo buerologicus hält kein Produkt in seinen Händen, sondern einen Haufen Daten oder Zahlen. Dieser Haufen existiert aber nicht. Man muss ihn sich vorstellen, man könnte auch sagen: imaginieren.

Folgt daraus, dass der homo buerologicus unter Halluzinationen leidet?

Wobei Leid setzt voraus, dass etwas gefühlt wird.


Ja, dieser Text ist pauschalisierend.

Ja, der Autor ist sich dessen bewusst.

Ja, der Autor nimmt die Kritik billigend in Kauf.

Sarkasmus, schon vergessen?


Im Wesentlichen verbringen Büromenschen ihre Zeit mit Bullshit-Tätigkeiten: Postfächer aktualisieren, Mails beantworten, Kaffee holen, Postfächer aktualisieren und so weiter.

Die Routine wird durch Telefonate mit dem Lieblingskollegen oder durch Team-Meetings unterbrochen.

Wenn sich Büromenschen in diesem Sog befinden, kommen sie nur schwer und unter größten Anstrengungen aus diesem Strudel heraus. Anfangs ist es erträglich, sogar sinnstiftend.


Als Büromensch verlässt man die Schule, Hochschule oder Universität und sucht nach einem höheren Sinn oder Zweck. Viele glauben diesen im Arbeitsplatz zu finden.

Münden tut es zumeist in einer endlosen und tiefen Leere, genannt Depression.

Oder alternativ Burn-Out.

Inzwischen können die Psychologinnen und Therapeuten beides diagnostizieren.

Den Anlass zur Diagnose gibt es nur, wenn Büromenschen sich Hilfe suchen.

Und den Anlass gibt es nur, wenn der Büromensch diesen Strudel namens Arbeitsalltag als kräftezehrend empfindet.

Aufgrund der herrschenden Einfachheit, wird wenig hinterfragt und somit auch wenig gezweifelt.

Hierbei fungiert die Einfachheit als Selbstschutz.


Abschließend: es scheint so zu sein, dass Büromenschen in diesem Text nicht gut wegkommen.

Der erste Eindruck mag täuschen, denn diesen Text zu schreiben ist bereits eine Liebeserklärung.


Der Antrieb ist die Sorge um kollektive Sinnlosigkeit einer ganzen gesellschaftlichen Klasse. Nicht auf einer persönlichen Ebene, sondern auf einer politischen.

Viele angesprochene Schwierigkeiten und Herausforderungen gibt es nicht nur unter Büromenschen, sondern in allen gesellschaftlichen Schichten.

Wie oft Sozial Arbeitende oder CEOs einer gigantischen Firma Däumchen drehen und sich langweilen, mag ich mir ungern ausmalen.

Die Zeit und das Unbewusste machen uns alle klein.


Was uns alle antreiben sollte, ist die Gemeinschaft und das Wohl der Gesellschaft.

Einen großen Teil davon stellen die Büromenschen dar, wie eingangs beschrieben.

Ihre Arbeit ist Arbeit, wie die Arbeit einer Arbeiterin.


Deshalb: Büromenschen aller Länder! Vereinigt Euch!



Zitat - Graeber, David (2018): Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit (S.38). Klett-Cotta.


foto © Clark Tibbs



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