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  • Derviş Dündar

Liebe in unseren Zeiten

Die Elternzeit ist pausiert und das Leben beginnt.

Und mit dem Leben kommt ein neuer Text.

Und diesen Text teile ich mit Euch, weil ich Euch alle sehr lieb habe.

Auch wenn ich um unsere Fehler weiß.

Der Text hat eine gute Länge (kurz) und beschäftigt sich mit einem wichtigen Thema (toten Tauben).

Ich weiß, dass der Titel dafür ungeeignet scheint, aber Olaf Scholz ist auch Bundeskanzler.

Also von daher: lest den Text einfach und genießt den Stumpfsinn.

In der Zukunft werde ich mich wieder öfter bei Euch melden, auch wenn ich im Stress bin. Versprochen.


In Liebe

Euer Postmigrant

 

Eigentlich wollte ich einen Text über Liebe in unseren Zeiten schreiben, aber das hat nicht so gut funktioniert. Ja, Autor*innen müssen funktionieren und wir funktionieren nur, wenn wir über das schreiben, was uns wirklich bewegt. Kein*e Autor*in dieser Welt schreibt über etwas, das ihn oder sie nicht bewegt. Deshalb kann ich nicht über die Liebe in unseren Zeiten schreiben, weil sie mich nicht bewegt. Es könnte nichts Egaleres geben, als die Liebe in unseren Zeiten.


Wobei es da eine Sache gäbe, die noch egaler ist als die Liebe in unseren Zeiten: Christian Lindner. Wobei das strenggenommen keine Sache ist, sondern ein Mensch. Christian hat das neulich unter Beweis gestellt, als er vor den Augen der gesamten Bundesrepublik auf Sylt geheiratet hat. Good luck, Christian. Also jetzt wirklich: viel Erfolg in Deiner Ehe. Um die Liebe in unseren Zeiten kann es nicht gutstehen, wenn selbst Neoliberale so etwas wie Gefühle haben und Autor*innen, die sich nur Gedanken um Gefühle machen, keinen Text über sie schreiben können.


Kleine und kurze Anekdote aus meinem Leben: Neulich ist eine Taube gegen mein Fenster geflogen und lag dann tagelang tot im Innenhof herum. Alle Nachbar*innen gingen einfach an ihr vorbei und wussten nicht so wirklich und auch nicht so wahrhaftig, was sie tun sollten. Wie soll man auch mit einer toten Sache umgehen, die da einfach rumliegt? Gebrochenes Genick, Blut läuft aus der Platzwunde und die ganzen Fliegen belagern es bereits. Arme Taube. Da lag sie also, tot, und Keine*r kümmerte sich um eine artgerechte und -entsprechende Bestattung. Wie soll man auch ein totes Ding unter die Erde bringen, wenn es in der Stadt kaum noch freie Plätze für tote Dinger gibt? Die Taube konnte sich nicht melden und sagen, dass sie ein Lebewesen ist, wie jede*r andere auch und ihr auch in Zeiten knapper Ressourcen eine faire Bestattung zustünde. Witzige Vorstellung, oder? Also nicht die tote Taube (R.I.P), sondern die Vorstellung, dass sie mit Menschen reden könnte. Generell scheint es unvorstellbar, dass Tiere und Menschen gleichwertig sind. Das würde ja bedeuten, dass wir Menschen nur eines unter Vielen wären und das geht doch gar nicht, weil uns Gott erschaffen hat. Und da frage ich mich, warum so viele Klimaaktivist*innen gleichzeitig Christ*innen sind. Wobei mir einfällt, dass die für unseren Planeten kämpfen und für das Überleben der Menschheit. Kein Widerspruch zu Gott. Auch Good luck an Euch, meine Freund*innen. Ich bin raus, so wie die Taube.


Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich eingestehen, dass ich es als außerordentlich kompliziert empfinde, jemanden oder etwas in der Stadt unter die Erde zu bringen. Der Großteil der hiesigen Fläche ist mit Asphalt oder Steinen oder Häusern oder anderem versiegelt. Kein Durchkommen für Menschen, die etwas unter die Erde bringen wollen. Grundsätzlich muss auch festgehalten werden, dass Erde etwas ganz Natürliches ist, und Natürliches gibt es hier bei uns in der Stadt nicht. Wir nennen Natürliches in der Stadt Stadtgrün und hoffen, dass niemandem die große Lüge auffällt.


Die große Lüge ist, dass es so etwas wie Stadtgrün gar nicht geben kann und mit dieser Nonexistenz des Natürlichen in der Stadt, kein menschliches Leben in der Stadt existieren kann. Tut es aber, was mich zu der Frage bringt: wie denn das? Wie kann es sein, dass Menschen tagtäglich das sichere Haus verlassen, in einer Welt, die unnatürlicher denn je ist? Die Antwort ist so komplex, dass ich sie nicht ausführen will. Nur eines möchte ich betonen: ohne Supermärkte, Lieferando, Gorillas (Lieferdienst und nicht die Tiere und auch nicht die Band), Bäckereien und so weiter, würden ca. 90% aller Mitmenschen in der Stadt ihr bisheriges Leben nicht leben können. Edit: ich auch nicht.


Zurück zum eigentlichen Thema: Stadtgrün in Städten. Was soll das denn sein? Grüne Städte? Städte, die von Grünen regiert werden (Hannover) oder Städte, die sich grün anmalen? Wie soll denn eine Stadt grün werden, wenn alles voller Menschen ist, die irgendwo wohnen und arbeiten und Sport machen und Auto fahren und Fahrrad fahren und rumlaufen und Rum trinken und einfach da sind.

Damit die Stadt grün werden kann, müssen die Menschen verschwinden. Oder, um eine Alternative zum bisherigen Denken in diesem Text aufzuzeigen: alle Stadtmenschen entwickeln ein politisches und ökologisches Bewusstsein (es reicht auch, wenn man nicht gegen die ökologische Transformation ist), beginnen gemeinsam zu handeln und begrünen alle Straßen und Häuser.

Und wenn alle Stadtmenschen so wirklich und wahrhaftig wild drauf sind, dann beginnen sie auch die richtig reichen Stadtmenschen (Stadtvilla, 5 Autos, 1 Kind, viel Freizeit, 300 m2 Grundstück, Haus im Umland, Finca auf Mallorca) zu zwingen ihre Pools und Gärten mit allen zu teilen.


Vermutlich ist es wahrscheinlicher, dass alle Menschen verschwinden. Ist tatsächlich auch sozial gerechter als Umverteilung, weil dann ALLE Menschen etwas davon haben bzw. nicht haben. Sind dann eben alle tot. Wobei: auch im kollektiven Sterbeprozess gibt es Ungerechtigkeit, denn die Superreichen (20 Häuser, 50 Autos, 10 Privatjets, 1 Milliarde Barvermögen usw.) können sich irgendwelche Techniken leisten, um zu überleben oder länger zu überleben als die Menschen von der Straße. Und diese Erkenntnis kann ich wiederum nicht mit meinem Gewissen vereinbaren und deswegen schreibe ich Texte wie diesen hier. Texte, die wenig Sinn ergeben.


Eigentlich wollte ich nur einen Text über die Liebe in unseren Zeiten schreiben, aber unsere Zeiten lassen mir keine Ruhe für Liebe.



foto by @niklas_hamann

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