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  • Dervis Dündar

Nichts und Alles

Guten Tag und ein herzliches Willkommen auf der Reise der Erkenntnis. Wir werden uns gemeinsam in die Toskana unserer Seelen begeben und über uns stolpern. Es wird vielleicht politisch und selbstverständlich sehr persönlich, aber versprechen möchte ich eigentlich so wenig wie möglich. Wir sollten nämlich nie etwas versprechen, das wir nicht einhalten können. Genug Pädagogik für heute; kommen wir zum politisch-philosophischen Teil.

Mein Name tut an dieser Stelle nichts zur Sache, denn ich bin Nichts. Dies ist auch schon die erste Erkenntnis für uns alle. Nichts zu sein, heißt alles sein zu können.

Die zweite Erkenntnis sollte sein, dass ich alles bin. Aber zu wissen, dass wir sind, ist nicht ausreichend, um wirklich und wahrhaftig zu sein.

Denn, und dies ist bereits die dritte Erkenntnis, wir sind nicht nur, sondern werden gemacht. Lassen Sie uns für eine gewisse Weile bei dieser Offenbarung bleiben, denn Nichts ist von höherer Bedeutung.


Wenn ich aus dem Nichts komme, aus dem wir alle kommen, und beginne in dieser Welt zu existieren, in der wir alle existieren, werde ich von der ersten Sekunde geprägt und verändert.

Durch die Luft, die ich atme; die Stimmen, die ich höre; das Licht, welches in mich strömt und in der Dunkelheit des Körpers versinkt.

Deshalb müssen die Dinge, Personen, Strukturen oder kurz: die Welt hinterfragt werden.

Weil all dies uns macht und etwas mit uns macht.


Selbstverständlich werden wir nicht nur gemacht, sondern konstruieren alles selbst.

Es ist ein Irrtum, zu Denken oder Glauben, dass nur die Gesellschaft uns macht, denn wir machen schließlich auch die Welt.

Es ist die engste, längste und intensivste Beziehung, die wir als Menschen eingehen können.

Die Wechselwirkungen, die dabei entstehen, lassen nichts, wie es ist.


Menschen, die von der Welt, die sie umgibt, profitieren, werden diese Welt nicht oder mindestens weniger hinterfragen.

Menschen, die von der Welt, die sie umgibt, benachteiligt werden, haben das Potenzial sie umzuwerfen, um sie neu und im Interesse aller Menschen aufzubauen.


Die Welt, die alle Menschen umgibt, nennen wir Umgebungswelt.


Die Komplexität der Umgebungswelt überfordert viele Menschen, denn Menschen sind einfach und einfach.

Einfach, weil sie einfach sind und einfach, weil sie Einfach sind.

Weil Menschen sind, wie sie sind, interessieren sie sich nicht für die Umgebungswelt und all das, was sie ausmacht.

Stattdessen beschäftigen sich alle, ob nun politisch oder nicht, lieber mich sich und ihrem Selbst.

Die Komplexität der Umgebungswelt, die wir machen und die uns macht, wird kurzerhand auf das kleinste Atom reduziert: das Einzelne.


Das Einzelne wird gemacht und hinterfragt die Umgebungswelt nicht.

Das Einzelne ist sich der eigenen Macht nicht bewusst, sondern lässt sich durch kleine Kompromisse in diese Welt einsetzen.

Das Einzelne wird zum Produkt der Umgebungswelt und verliert sein Wesen: das Menschliche.


Wenn ich mein Menschliches verliere, zu meinem Profit, kann ich meinen Wesensverlust kompensieren: mit Status, Dingen oder dem Gefühl besser zu sein als andere.

Diese Kompensation findet ihren Ausdruck in Form von akademischen Titeln, Autos, Häusern, Eigentum im Allgemeinen und vielen anderen Unnützen Dingen.

All dies haben Menschen, die durch die Umgebungswelt benachteiligt werden, nicht.


Der größte und elementarste Unterschied zwischen habenden und nichts-habenden ist nicht etwa, dass die einen etwas haben und die anderen nicht, sondern, dass die einen sich ihren Wesensverlust erklären können und die anderen nicht.


Von der Traurigkeit, die durch den Verlust des Menschlichen in allen Menschen ihre Heimat findet, sind alle Menschen gleichwertig betroffen.

Sie ist ein elementarer Bestandteil unserer hiesigen Existenz, denn durch sie wird uns unsere Bedeutungslosigkeit auf dieser Erde vor Augen geführt.


Dies ist die vierte und letzte Erkenntnis unserer gemeinsamen Reise.


Hier finden wir ein Ende.

Ich sitze hier und erkenne für mich, dass es etwas Höheres und Bedeutenderes gibt, als die Umgebungswelt oder das Einzelne.

Es ist das Gemeinsame: das Menschliche.

Das Menschliche ist durchdrungen von Menschlichkeit.

Sie ist nicht gleichzusetzen mit dem Menschen oder der Menschheit, sondern existiert mit. Oder ohne uns.

Die Menschheit verlor das Menschliche im Momentum des aufkommenden Fortschrittgedankens.

Fortschritt, im Besonderen der zwanghafte Fortschritt, steht dem Menschlichen diametral gegenüber.

Denn das Menschliche ist durchdrungen von Geduld, Ruhe, Verständnis, Frieden, Gemeinschaftslust, Toleranz, Angstfreiheit und dem höchsten aller Güter auf Erden: Liebe.


Leider leben wir Menschen in einer Umgebungswelt, die vom Geist der Wenigen beseelt ist.

Diese Wenigen sind sich ihrer Macht bewusst und bekämpfen das Menschliche in ihrem Interesse.

Es handelt sich bei diesen Wenigen nicht um eine bestimmte Elite, sondern um das Elitäre.

Auch Menschen, die nicht zur Elite gehören, können elitär sein, denken und handeln.

Die Elitären haben vor langer Zeit damit begonnen das Menschliche zu bekämpfen und diese Praxis fand bisher kein Ende, weil wir nicht zu uns fanden und somit nicht zur Menschlichkeit.


Um dorthin zu finden, also zu uns und somit zur Menschlichkeit, müssen wir Einzelnen uns selbst finden.

Damit ist auch verständlich, wenn Menschen die Umgebungswelt und all das Komplexe reduzieren, um sich selbst zu finden.


Was steht aber am Ende dieser Selbstfindung?

Nichts und Alles.




foto © Greg Rakozy

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